Ötzi und seine Zeit

 

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Der Mann aus dem Eis "Ötzi" lebte vor etwa 5300/5200 Jahren in der ausgehenden Phase der Jungsteinzeit. Manche Wissenschaftler sprechen auch von der Periode des 'Chalkolithikums', das ist die Kupfer-Stein-Zeit unter Hervorhebung des Überganges zwischen der Jungsteinzeit und der Bronzezeit. Heute sieht die Forschung Hinweise für die Nutzung des Kupfers bereits in der späten Jungsteinzeit Italiens zwischen 4.300 und 3.500 vor Christus sowie die Möglichkeit einer mittel-jungsteinzeitlichen Verwendung von Kupferäxten zwischen 5000 und 4300 vor Christus. Weitere neuere Aspekte der Forschung beleuchten ebenfalls die Frage des Überganges zwischen der vorangegangenen Mittelsteinzeit und der Jungsteinzeit.

Die Mittelsteinzeit (etwa 9.000 bis 6.000 vor Christus) bildet traditionell die Fortsetzung der jägerisch-sammlerischen Lebensweise unter den veränderten Bedingungen der Wiederbewaldung nach dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 11.000 Jahren vor heute.

Veränderte Wirtschafts- und Lebensweisen in der nachfolgenden Jungsteinzeit (Neolithikum, ab etwa 6.000/5.500 v.Chr.) werden dagegen charakterisiert durch Ackerbau und Viehzucht, die Herstellung gebrannter Tongefäße, die Errichtung von Hausbauten und eine damit verbundene weitgehende Aufgabe der bis dahin nomadisierenden Lebensweise. Welchen Anteil die jeweils einheimische, in mittelsteinzeitlichen Traditionen lebende Bevölkerung im Rahmen dieser neuen Entwicklung ('Neolithisierung') spielte, ist neuerlich in Diskussion. Üblicherweise wird eher der Aspekt einer Migration aus Südosteuropa für den Beginn der jungsteinzeitlichen Entwicklung in Mitteleuropa hervorgehoben.

Der zentrale Ostalpenraum kann infolge der Probleme der Fundüberlieferung, klimatisch eingeschränkten Möglichkeiten zur archäologischen Arbeit im Hochgebirge u.a.m. zu dieser Fragestellung nur relativ wenig beitragen. Allerdings liegen aus dem Schweizer Mittelland Hinweise dafür vor, dass bereits ab etwa 6.500 v.Chr. mit einem frühen Ackerbau (Kulturpflanzenpollen, kleinflächige Rodungen) zu rechnen ist. Ebenfalls für den Zeitraum vor 8.000 bis 6.000 Jahren v.Chr. deutet sich für botanische Untersuchungen in Nordtirol eine Einflussnahme mittelsteinzeitlicher Bevölkerungen auf die Vegetationszusammensetzung und ein möglicher primitiver Getreideanbau an.

Jedoch erscheint nicht erst mit diesen Bemerkungen klar, dass der Mann aus dem Eis in einer kulturgeschichtlichen Tradition stand, welche die Begehung und Nutzbarmachung des Hochgebirgsraumes bereits tausende Jahre vor dessen Lebenszeit erkennen lässt. So haben wir den ältesten tatsächlichen Nachweis mittelsteinzeitlicher Feuerstellen in Nordtirol bereits 10.500 Jahre vor heute und somit unmittelbar nach dem Ende der letzten Eiszeit. Von diesem Fundplatz gibt es zahlreiche Nachweise, dass die Menschen dieser Zeit regelmäßig den Alpenhauptkamm überschritten und z.B. aus den Südalpen qualitativ hochwertige Feuersteinarten (sogenannten Silex) mitbrachten. Dies betraf z.B. auch Silex aus den Lessinischen Voralpen südlich von Trient - einem Gebiet, aus dem 5.000 Jahre später ebenfalls das Rohmaterial für den Feuersteindolch des Mannes aus dem Eis stammte.

Für das Gebiet des hinteren Ötztales (Gurgler Tal) sind mehrfach botanische Nachweise dafür vorhanden, dass hier zumindest 1.100 Jahre vor der Lebenszeit von Ötzi eine jungsteinzeitliche Weidewirtschaft betrieben wurde. Dies betrifft generell höhergelegene, zentralalpine Gebiete, die für einen Getreideanbau selbst schon zu hoch lagen. Dass der Mann aus dem Eis sich ansonsten auch in einer ackerbaubetreibenden Gesellschaft aufhielt, ist aus zwei (spelzigen) Getreidekörnern aus seiner Bekleidung sowie anderen Getreideresten aus einem der Birkenrindengefäße zu erschließen, das ihm als (Holzkohle-) Glutbehälter diente. Außerdem ist an typischen Gebrauchsspuren an der Oberfläche einer mitgeführten Feuersteinklinge zu erkennen, dass mit diesem Gerät Pflanzen geschnitten wurde.

Da mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits während der Jungsteinzeit das hintere Ötztal aus Richtung des Südtiroler Vinschgaus erschlossen wurde, besteht eine plausible Erklärung auch darin, den Mann aus dem Eis in einen Zusammenhang mit dessen (weide-) wirtschaftlicher Nutzung zu sehen. Hierfür spricht ebenfalls die sehr starke Abnutzung des einen Bogenendes, der zweifellos eine zeitlang als Stecken diente. Aufschlussreich ist auch die Wertung der Bekleidung des Mannes aus dem Eis. Sie war hochgebirgstauglich (nässeschützender Grasmantel, isolierende Fellbekleidung) und lässt auch durch die hierfür verwendeten Wildtierfelle die Bedeutung der Jagd erkennen.


Fehlende charakteristische Funde von Keramikgefäßen beim Mann aus dem Eis erlauben keine wirklich schlüssige Zuordnung zu einer der während der ausgehenden Jungsteinzeit in Norditalien bestehenden Kulturgruppen, bevor nicht auch die absolute Chronologie der damit verbundenen Fundkomplexe quantitativ und qualitativ deutlich erweitert wird. Die Einmaligkeit der jungsteinzeitlichen Mumie aus den Ötztaler Alpen darf deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Urgeschichtsforschung steinzeitlicher Perioden in den zentralen Ostalpen in vielfacher Hinsicht erst am Anfang steht.


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